Pogacar hält die Vuelta wieder offen.
Das wünscht man keinem. So wie Pogacar gestern aus der Vuelta ausgeschieden ist. Eine schlimmer, aber auch eigentlich ein dummer Sturz. Das hätte nicht sein müssen. Fakt ist, dass nun die zweite Liga der Favoriten wieder eine Chance auf den Sieg hat. Wo man sich vorher doch nur mit Platz zwei zufrieden geben musste.

Meiner Ansicht wäre ein Sturz bei ein Teilnahme von Nils Pollit nicht so zustande gekommen. Aber das ist das Problem, wenn man mit der B Mannschaft eine solche Rundfahrt beschreitet. Der Leader muss vom Team in einer solchen Situation rundum geschützt werden. Da nützt es nichts mehr, wenn man nach einem solchen Vorfall geschlossen und mit hängenden Köpfen hinter dem Feld herfährt.
Doch erzählen wir lieber was vom Verlauf der Etappe.
Drama in Xeraco: Pogačar stürzt schwer und muss die Vuelta aufgeben
Was als reine Sprinter-Etappe angekündigt war, entwickelte sich am Samstag zu einem der einschneidendsten Tage der diesjährigen Vuelta a España. Auf der 171 Kilometer langen 8. Etappe von Puçol nach Xeraco stürzte der bis dahin überlegen führende Tadej Pogačar rund 32 Kilometer vor dem Ziel schwer – und musste sein Rennen beenden. Am Ende gewann Bryan Coquard im Sprint, doch der eigentliche Gesprächsstoff des Tages war der Ausfall des großen Favoriten.
Eine Flachetappe mit Ansage – bis kurz vor Schluss
Die Strecke entlang der valencianischen Mittelmeerküste galt von Beginn an als klassische Angelegenheit für die Sprinterteams. Kein nennenswerter Anstieg störte den flachen Verlauf, und entsprechend ruhig verlief das Rennen über weite Strecken. Die großen Mannschaften kontrollierten das Tempo, eine frühe Ausreißergruppe wurde konsequent im Zaum gehalten, und alles deutete auf ein Duell der schnellen Männer im Zielsprint von Xeraco hin.
Diese Erwartung sollte sich am Ende auch erfüllen – allerdings erst, nachdem das Rennen kurz vor der Ziellinie eine dramatische Wendung genommen hatte, die mit dem eigentlichen Sprintgeschehen nichts zu tun hatte.
Der Sturz, der alles veränderte
Etwa 32 Kilometer vor dem Ziel kam Tadej Pogačar im dichten Feld zu Fall. Der Slowene war nach einem Schlenker kopfüber über den Lenker gegangen und riss dabei zwei Fahrer des Visma-Rennstalls mit zu Boden. Als möglicher Auslöser wird ein Gegenstand vermutet, wahrscheinlich ein Stein am Straßenrand, dem Pogačar auszuweichen versuchte und dabei die Kontrolle über sein Rad verlor.
Die Bilder, die kurz darauf um die Welt gingen, waren erschreckend: Pogačar saß mit blutenden Wunden an der linken Schulter und am Kopf auf dem Asphalt. Zunächst schien es, als wolle er trotz der sichtbaren Blessuren weiterfahren – der Traum vom ersten Vuelta-Gesamtsieg, dem letzten fehlenden Baustein in seiner Grand-Tour-Sammlung, saß offenbar tief. Doch die Schmerzen waren letztlich zu groß, und der Ausnahmefahrer musste sich geschlagen geben und in den Krankenwagen steigen.
Die medizinische Erstuntersuchung offenbarte das Ausmaß der Blessuren: Neben einer Gehirnerschütterung erlitt Pogačar einen Schlüsselbeinbruch sowie die Fraktur eines oberen Halswirbels. Die Rennärzte diagnostizierten zudem eine mutmaßliche Verletzung des Schultereckgelenks sowie eine Platzwunde an der linken Augenbraue. Der nötige operative Eingriff am Schlüsselbein muss wegen der Gehirnerschütterung zunächst verschoben werden.
Besonders bitter: Zum Zeitpunkt seines Sturzes war Pogačars Vorsprung in der Gesamtwertung komfortabel. Er führte mit 3:50 Minuten vor dem Spanier Enric Mas, nachdem er bereits das Auftakt-Zeitfahren in Monaco sowie zwei weitere Etappen gewonnen hatte. Der erste Gesamtsieg bei der Vuelta – die einzige Grand Tour, die in seiner Sammlung noch fehlte – schien nur noch Formsache zu sein. Nun ist dieser Traum abrupt geplatzt.
Es ist der erste massive Sturz mit derart gravierenden Folgen für Pogačar seit seinem Unfall bei Lüttich–Bastogne–Lüttich im April 2023, bei dem er sich das Handgelenk brach. Auch damals konnte er in der folgenden Saison nicht in optimaler Form an den Start der Tour de France gehen – ein Menetekel, das nun auch mit Blick auf die anstehende WM in Montreal Ende September für Fragezeichen sorgt. Dort wollte Pogačar eigentlich seinen dritten WM-Titel in Serie verteidigen; nach diesem Sturz erscheint eine Teilnahme höchst ungewiss.
Ein Massensturz kurz vor dem Ziel
Der Vorfall um Pogačar war an diesem Tag nicht der einzige Sturz. Kurz vor dem Zielsprint in Xeraco kam es zu einem weiteren, heftigen Massensturz, der das Feld auseinanderriss. Nur eine kleine Gruppe konnte am Ende noch um den Etappensieg sprinten. Auch zwei Schweizer Fahrer waren betroffen: Roland Thalmann stürzte rund zehn Kilometer vor dem Ziel, zog sich trotz heftigen Aufpralls aber “nur” Prellungen und Schürfwunden zu, ohne Anzeichen einer Gehirnerschütterung. Stefan Küng geriet in den Sprintsturz und kam mit leichten Blessuren an Hand und Gesäß davon. Beide sollten tags darauf wieder an den Start gehen können.
Coquard triumphiert im chaotischen Finale
Inmitten dieses von Stürzen geprägten Renntages behielt am Ende der Franzose Bryan Coquard (Cofidis) die Nerven und entschied den Sprint der übrig gebliebenen Gruppe für sich – sein erster Grand-Tour-Etappensieg mit 34 Jahren. Auf den Plätzen folgten der Ex-Weltmeister Mads Pedersen sowie weitere Sprintspezialisten, die den chaotischen Zielauftakt überstanden hatten.
Der Jubel über den Erfolg fiel angesichts der Bilder von Pogačars Sturz naturgemäß gedämpft aus. Die Etappe wird nicht wegen des Sprints in Erinnerung bleiben, sondern wegen der Szenen 32 Kilometer davor.
Die Gesamtwertung wird neu gemischt
Mit dem Ausfall des großen Dominators ist der Kampf um das Rote Trikot über Nacht komplett offen geworden. Neuer Spitzenreiter ist überraschend Enric Mas (Movistar), der von Pogačars Sturz praktisch geschenkt in die Führung rutschte. Dahinter formiert sich ein enges Feld:
- 1. Enric Mas (Movistar) – neuer Gesamtführender
- 2. Felix Gall (Decathlon CMA CGM) – +1:11 Minuten
- 3. Primož Roglič (Red Bull–Bora–hansgrohe) – +1:33 Minuten
Fünf Fahrer liegen insgesamt innerhalb von nur drei Minuten – eine Ausgangslage, die noch vor der Etappe undenkbar schien, als sich Pogačars Sieg bereits abzuzeichnen begann. Besonders pikant: Mit Primož Roglič, dem viermaligen Vuelta-Gesamtsieger, meldet sich ausgerechnet der Routinier mit der größten Erfahrung in dieser Situation zurück im Kreis der ernsthaften Anwärter.
Ausblick
Der Zeitpunkt von Pogačars Sturz könnte kaum unglücklicher liegen – unmittelbar vor der ersten echten Bergankunft der Rundfahrt. Bereits am Sonntag steht mit der 9. Etappe von La Vila Joiosa zum Alto de Aitana die erste Hochgebirgsetappe an, auf der sich zeigen wird, wer aus dem neu geordneten Favoritenfeld tatsächlich das Format für den Gesamtsieg mitbringt. Für Mas, Gall, Roglič und Co. beginnt nun ein völlig neues Rennen – eines, das sie sich vor 24 Stunden noch nicht hatten träumen lassen.
Ergebnis <<<<
Der Zeitpunkt von Pogačars Sturz könnte kaum unglücklicher liegen – unmittelbar vor der ersten echten Bergankunft der Rundfahrt. Bereits am Sonntag steht mit der 9. Etappe von La Vila Joiosa zum Alto de Aitana die erste Hochgebirgsetappe an, auf der sich zeigen wird, wer aus dem neu geordneten Favoritenfeld tatsächlich das Format für den Gesamtsieg mitbringt. Für Mas, Gall, Roglič und Co. beginnt nun ein völlig neues Rennen – eines, das sie sich vor 24 Stunden noch nicht hatten träumen lassen.
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