Trauerfeier in Alpe D' Huez
Manchmal kann ich es nicht glauben. Da fahren ausgewachsene Männer über mehr als 110 km einen riesigen Vorsprung heraus, um sich dann in Anstieg von Alpe D' Huez weinend den Fans vor die Füße zu werfen.
Man kniet doch nicht vor Holländern. Aber diese Jungs haben wohl keine Scham. Wie kann man denn den Beginn des Anstieg als Tagesziel ausgeben und dann den Mut in die Hose rutschen lassen. Viele von der über dreißig köpfigen Ausreißergruppe hat wahrschein gar nicht das Tagesziel gesehen, weil sie schon weit vorher ihr Fahrrad verbrannt haben. Das geht ja mit Carbon ganz gut. Wenn man diese Truppe den Berg rauf in Schlangenlinien hat fahren sehen ich meine den dürftigen Rest, dann dürfte man kaum noch von Helden Landstraße sprechen. Helden der Landstraße sind morgen die Holländer, wenn sie versuchen mit ihren Wohnwagen den Berg herunterzukommen.
Das ist wahrlich nicht einfach.
Erzählen wir einfach was vom Rennen.
Alpe d'Huez, Freitag, kurz vor 17 Uhr. 13,8 Kilometer, 21 Kehren, ein Berg, der schon so viele Legenden gesehen hat, dass er eigentlich einen eigenen Frisör und einen Buchvertrag verdient hätte. Und dann kommt er. Tadej Pogačar. Nicht geschlichen, nicht geschummelt – einfach angekommen, wie ein Wetterphänomen mit Startnummer.
Dabei sah es lange gar nicht nach einem Solo-Spaziergang aus. Eine 15-köpfige Spitzengruppe war losgezogen, so als hätte jemand versehentlich die halbe Tour de France aus dem Hauptfeld rausgekippt. Sepp Kuss war dabei, Richard Carapaz sowieso – der Mann scheint inzwischen im Alpen-Abo zu fahren – und auch Lenny Martinez, offenbar mit dem festen Vorsatz, heute mal selbst Geschichte zu schreiben statt sie nur zu kommentieren.
Am Fuß des Anstiegs hatte diese Truppe dreieinhalb Minuten Vorsprung. Dreieinhalb Minuten! Das ist normalerweise die Zeit, die man braucht, um sich in Ruhe einen Kaffee zu holen – nicht die Zeit, in der ein gelbes Trikot beschließt, den kompletten Vorsprung wie ein zu spät bemerktes Sonderangebot einzukassieren.
Aber Pogačar, offiziell leicht angeschlagen, inoffiziell offenbar aus einer anderen Softwareversion gebaut, zündete schon zwei Kilometer nach dem Einstieg den Angriff. Kein großes Zögern, kein taktisches Abwarten – einfach: Anfahren, sitzen bleiben, Berg auflösen. Remco Evenepoel und der Rest der Favoritengruppe durften dabei zusehen, wie der Abstand anwuchs wie ein schlecht verhandelter Handyvertrag.
Vorne blieb es dafür herrlich chaotisch. Carapaz, der Vortagessieger, wollte offenbar zeigen, dass gestern kein Zufall war, und attackierte, attackierte, attackierte – so hartnäckig, dass man fast Mitleid mit seinen eigenen Beinen bekam. Martinez hielt tapfer dagegen. Kuss kämpfte wacker, musste dann aber zusehen, wie die beiden anderen ohne ihn weiterzogen.
Und mittendrin: Pogačar, der sich in stoischer Ruhe durch die Reste der Ausreißergruppe fraß, als würde er eine To-do-Liste abarbeiten. 700 Meter vor dem Ziel dann der letzte Nadelstich – ein weiterer Angriff, und Carapaz sowie Martinez mussten ihn ziehen lassen wie zwei Trittbrettfahrer, denen gerade der Bus vor der Nase wegfährt.
Am Ende: Sieg Nummer fünf bei dieser Tour, Bestzeit auf dem berühmtesten alle Alpenberge, und ein Vorsprung in der Gesamtwertung, der inzwischen komfortabler ist als mancher Fernbus. Evenepoel kam als Sechster ins Ziel, weiterhin bester Verfolger, aber mit einem Rückstand, der sich langsam nicht mehr wie eine Verhandlungsbasis anfühlt, sondern wie eine Postleitzahl.
Einziger Trost für Pogačar bleibt aus: Im Bergpreis-Klassement führt ausgerechnet Carapaz – ein kleiner Denkzettel dafür, dass man nicht einfach jeden Berg mitnehmen kann, so sehr man es auch versucht.
Zwei Etappen bleiben noch. Aber wenn Alpe d'Huez eines gezeigt hat: Diese Tour hat inzwischen weniger einen Favoriten als einen Naturzustand.

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