Tour de France, 7. Etappe: Hitzeschlacht, Wildschwein und ein Belgier mit Turboknopf
175 Kilometer von Hagetmau nach Bordeaux, 38 Grad im Schatten und ganze 850 Höhenmeter – die siebte Etappe der Tour de France 2026 hatte auf dem Papier so viel Dramatik zu bieten wie ein Steuerformular. Und doch wurde es am Ende einer dieser Tage, an denen genau das passierte, was jeder erwartet hatte, und trotzdem alle am Ende der Couch klebten: ein Massensprint, bei dem sich die Sprinterelite gegenseitig die Vorderräder wegnahm, bis am Ende der Schnellste von allen die Lücke fand, die eigentlich gar keine sein sollte.
Der Sieger hieß Tim Merlier, und der Belgier tat das, was er in dieser Tour offenbar zum Volkssport erklärt hat: gewinnen. Es war bereits sein vierter Tagessieg bei dieser Rundfahrt, und wenn man bedenkt, dass er erst seine dritte Tour-Teilnahme absolviert und bei jeder davon mindestens eine Etappe eingefahren hat, könnte man langsam anfangen, ihm einen Ehrenplatz im Klub der Wiederholungstäter freizuhalten. Im Ziel wirkte er selbst fast ein bisschen überrascht von der eigenen Leistungsfähigkeit und gestand freimütig, dass sein Weg nach vorne alles andere als ein Lehrbuchsprint gewesen sei – ein "chaotischer Weg", wie er es nannte, aber am Ende zählt bekanntlich nur, wer zuerst über die Linie rauscht.
Und rauschen ist hier wörtlich zu nehmen: Auf den letzten 500 Metern soll das Feld einen Schnitt von 69,6 km/h hingelegt haben. Zur Einordnung: Das ist ungefähr die Geschwindigkeit, mit der man auf der A3 versucht, einen Blitzer zu ignorieren – nur dass hier keiner ein Auto, sondern zwei dünne Gummireifen unter sich hatte.
Das eigentliche Herzstück des Tages spielte sich aber, wie so oft auf Flachetappen, schon Stunden vorher ab, weit weg vom Trubel des Sprintfinales. Denn ganz ohne Ausreißer geht bei der Tour de France gar nichts, und so übernahm erneut jener Fahrer die Hauptrolle im ersten Akt, der in dieser Saison offenbar beschlossen hat, sein gesamtes Jahresprogramm in Fluchtgruppen zu verbringen: Baptiste Veistroffer vom Team Lotto-Intermarché, seit seiner Jugend liebevoll "Wildschwein" genannt, weil er mit einer gewissen angriffslustigen Sturheit durchs Feld pflügt. Nachdem er sich schon nach der 5. Etappe öffentlich beschwert hatte, man habe ihm als Solisten nur drei schnöde Minuten Vorsprung gegönnt, ließ er sich die Attackierlaune keineswegs vermiesen und zog erneut los. Bei der Zwischensprintwertung, etwa 55 Kilometer vor dem Ziel, holte er sich prompt zum zweiten Mal in dieser Tour die vollen 25 Punkte – und 17 Kilometer später noch den einzigen Bergpunkt des Tages obendrauf. Ein Wildschwein, das offenbar auch punktetechnisch gerne trüffelt.
Im Hauptfeld ging es derweil um die Krümel vom Punktekuchen: Mads Pedersen setzte sich dort durch und sicherte sich 16 Zähler, gefolgt von Biniam Girmay, Max Kanter, Jasper Philipsen und eben jenem Merlier, der später am Tag noch einmal ganz andere Prioritäten setzen sollte.
Und dann, in den letzten Kilometern vor Bordeaux, wurde es hektisch. Mathieu van der Poel übernahm noch einmal die Führungsarbeit für seinen Teamkollegen Jasper Philipsen und lieferte ihn rund 250 Meter vor dem Ziel scheinbar perfekt ganz vorne ab – ein Leadout, wie man ihn sich im Lehrbuch wünscht. Nur leider hatte Philipsen an diesem Tag nicht die Antrittsgeschwindigkeit, um das Geschenk auch zu veredeln, und musste sich am Ende mit Platz fünf begnügen. Genau in diesem Moment schoss Merlier aus dem Windschatten heraus, fand auf den letzten 100 Metern eine Lücke, die eigentlich niemand hätte sehen dürfen, und zog vorbei. Zweiter wurde der Norweger Sören Wærenskjold, Dritter Girmay.
Für die deutschen Fans gab es ebenfalls Grund zur Freude, wenn auch mit leichtem Beigeschmack: Max Kanter vom Astana-Team wurde Vierter und damit im "deutschen Sandwich" bester Landsmann, dahinter folgte Phil Bauhaus auf Platz sechs. Kanter selbst war mit dem Ergebnis nur bedingt zufrieden und beschrieb im Interview, man sei auf dem letzten Kilometer regelrecht eingebaut gewesen – nicht ideal, aber am Ende habe man das Beste aus der Lage gemacht. Bauhaus hingegen freute sich sichtlich über den Fortschritt gegenüber dem ersten Sprint der Tour, bei dem er noch auf Platz 18 gelandet war. Pascal Ackermann komplettierte als Zwölfter das deutsche Trio, wirkte an diesem Tag aber eher als Einzelkämpfer denn als Mitspieler im großen Sprintpoker.
Die gute Nachricht zum Schluss: Trotz Hitze, Highspeed-Finale und einem Feld, das sich in den letzten Kilometern wie eine Herde nervöser Rennpferde verhielt, blieb der Tag komplett sturzfrei. Entsprechend unspektakulär – im positiven Sinne – blieb auch die Trikotverteilung: Tadej Pogačar bleibt in Gelb und gleichzeitig im Bergtrikot, was angesichts der ausgesprochen überschaubaren Höhenmeter des Tages nicht sonderlich überraschend war. Mads Pedersen hält weiterhin Grün fest im Griff, und Del Toro bleibt Bester der Nachwuchswertung in Weiß.
Morgen wartet mit der Etappe von Périgueux nach Bergerac direkt die nächste Einladung an die Sprinter – 182 Kilometer, zwei kleine Bergwertungen der vierten Kategorie, ansonsten wieder gähnende Flachheit. Die Sprinterzüge dürften sich also schon die Trikots bügeln, während der Rest des Feldes vermutlich erst einmal tief durchatmet, bevor es zurück in die Berge geht.
Ergebnis <<<<<<

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