Tour de Wallonie 2026: Drama, Herzschlag und ein Doppeltriumph für Oliver
Etappe 4: De Lie schlägt zu — ein Belgier auf heimischen Pflaster
Dison – Eupen, 166,7 km
Die vierte Etappe der Tour de Wallonie 2026 bot alles, was den wallonischen Radsport auszeichnet: taktische Finesse, eiskalte Entschlossenheit und einen Zielsprint, der die Zuschauer an der Strecke in Atem hielt. Auf den 166,7 Kilometern von Dison nach Eupen setzte sich der Belgier Arnaud De Lie (Lotto–Intermarché) durch und feierte damit einen Etappensieg, der gleichzeitig ein Statement war — das Statement eines Mannes, der in der eigenen Heimat gewinnen wollte.
Kim Heiduk (Netcompany INEOS) war als Träger des Führungstrikots in den Tag gestartet. Das Gesamtklassement zeigte sich vor dem Start in Dison ungewöhnlich eng: Nur drei Sekunden trennten den Deutschen von Jordi Meeus, Ben Oliver und Laurence Pithie. Ein winziger Puffer in einem Rennen, in dem jede Sekunde über Sieg und Niederlage entscheiden konnte.
In der ersten Rennhälfte formierte sich eine achtköpfige Ausreißergruppe mit Samuel Florez, Pim Ronhaar, Kristians Belohvosciks, Anton Lennemann, Theo Demarcin, George Wood, Jonah Killy und Robin Kull. Florez versuchte zunächst, die Gruppe zu sprengen und allein davonzuziehen, scheiterte jedoch — der Zusammenhalt blieb bestehen. Das Peloton ließ die Ausreißer gewähren, aber nur bis zu einem gewissen Punkt.
23 Kilometer vor dem Ziel war der Spuk vorbei. Das Feld hatte die Flucht eingeholt, das Rennen begann neu. Das
Streckenprofil rund um Eupen bot keine Gelegenheit zum Verschnaufen: Die Côte de Ligneuville mit 3,2 Kilometern bei 4,2 Prozent Steigung war nur ein Auftakt, bevor der Mur de la Ferme Libert die Fahrer auf 1,2 Kilometern mit durchschnittlich 12,2 Prozent brutaler Steigung empfing. Wer dort noch mithalten wollte, musste Charakter zeigen. Anschließend folgte die Côte de Ster über 4,1 Kilometer, ehe das finale Stadtschaltkreisstück mit dem harten Anstieg zum Stadion Eupen — 440 Meter bei 7,4 Prozent — die Entscheidung einleitete.
Jordi Meeus hatte einen Reifenschaden im Finale erlitten, kehrte zwar noch ins Feld zurück, war aber aus dem Rennen um den Tagessieg. Laurence Pithie hatte innerhalb der letzten vier Kilometer beschleunigt, Riley Sheehan (NSN Cycling Team) setzte seine Attacke aus dem Peloton heraus noch früher an — und blieb bis in die Schlussphase in Führungsposition. Der Neuseeländer schien dem Etappensieg entgegenzufahren.
Doch dann kam De Lie. Innerhalb der letzten 500 Meter lancierte der Belgier seinen Sprint, zog zunächst an Pithie vorbei und ließ schließlich auch Sheehan hinter sich. Mit einem letzten, kraftvollen Antritt riss er die Arme hoch — Etappensieg für Lotto–Intermarché in Eupen. Sheehan musste sich mit Platz zwei begnügen, Pithie kam als Dritter ins Ziel.
Im Gesamtklassement blieb die Lage nach der Etappe außerordentlich angespannt. Sheehan, Oliver, De Lie und Pithie lagen vor dem abschließenden Tag innerhalb von nur zehn Sekunden — ein Krimi war programmiert.
Etappe 5: Oliver krönt sich — Schlussakt in Aubel
Bassenge – Aubel, 176,5 km
Wer auf einen entspannten letzten Renntag gehofft hatte, wurde vom Profil der fünften Etappe eines Besseren belehrt. Die Route von Bassenge nach Aubel galt schon vor dem Start als die schwierigste des gesamten Rennens — ein Parcours, der in seiner Dichte und Gnadenlosigkeit einer Frühjahrsklassikerin in nichts nachstand.
Bereits ab Kilometer 40 begann die Selektion: Die Côte des Forges (1,3 km, 6,9 %) und die Côte de Fraiture (2,5 km, 6,1 %) wärmten die Beine auf, ehe die mythische Côte de la Redoute über 1,6 Kilometer bei 9,4 Prozent folgte — jener Anstieg, der auch beim Klassiker Lüttich–Bastogne–Lüttich immer wieder die Rennverläufe auf den Kopf stellt und Fans in ganz Belgien in Begeisterung versetzt. Es folgten weitere steile Rampen: Côte de Cornesse, Côte de Sart-Tilman und schließlich der Zielkreisstrecke rund um Aubel, die das Peloton mit rund 70 Kilometern noch vor sich hatte und zweimal passierte.
Elf Fahrer hatten sich früh in die Flucht gewagt. Das Peloton ließ sie nicht allzu weit davonziehen — zu viel stand auf dem Spiel. Bei 85 Kilometern vor dem Ziel waren bereits rund 40 Fahrer aus dem Hauptfeld herausgesiebt worden. Mit 76 Kilometern zu fahren war auch die Ausreißergruppe gestellt. Das Rennen befand sich nun in seiner heißen Phase.
I
m Bonussprint bei Kilometer 35 vor dem Ziel sicherte sich Sheehan drei wertvolle Bonussekunden, Pithie holte sich zwei — ein cleverer Zug beider im Kampf um die Gesamtwertung. Dann versuchten Pim Ronhaar und Álvaro Sagrado mit einem Angriff die Entscheidung zu erzwingen. Ihr Vorsprung wuchs auf 24 Sekunden an, doch der Zusammenschluss ließ nicht lange auf sich warten. Sagrado riss die Lücke zu Ronhaar, der Belgier wurde zurückgeworfen. Auch Ronhaar selbst wurde rund zwei Kilometer später vom Peloton geschluckt.
Adrian Boichis war es, der das verbliebene Führungsfeld brutal hochtrieb und die Formation in der Schlussphase auseinanderstretchte. Mit drei Kilometern vor dem Ziel unternahm Movistar-Profi Natnael Tesfatsion einen Sololauf — auch er wurde von Boichis’ Tempoarbeit neutralisiert.
Dann der Showdown: Liam Slock bereitete De Lie für dessen Sprintzug vor, der Belgier wollte den zweiten Tagessieg in Folge. Doch in den letzten 50 Metern öffnete sich auf der leicht abfallenden Zielgeraden eine Lücke — und durch diese schoss Ben Oliver (Netcompany INEOS). Der Neuseeländer warf mit triumphierend erhobenen Händen über die Linie — vor dem stark aufsprintenden Killian Théot auf Platz zwei und De Lie auf Platz drei.
Ein Sturz in der Schlussphase überschattete das Finale: TV-Bilder zeigten, wie Kim Heiduk zu Boden ging und mehrere andere Fahrer mit in den Crash riss. Der Träger des Leadertrikots schied damit aus dem unmittelbaren Kampf ums Gesamtklassement aus.
Oliver hatte nicht nur die Etappe gewonnen — er hatte sich mit diesem Triumph auch den Gesamtsieg der Tour de Wallonie 2026 gesichert. Nach dem Überraschungssieg auf der zweiten Etappe im strömenden Regen war es der krönende Abschluss einer makellosen Woche für den Neuseeländer. Das Ergebnis in Aubel, wo in wenigen Wochen die besten Fahrer der Welt bei Lüttich–Bastogne–Lüttich antreten werden, dürfte weit über die wallonischen Grenzen hinaus gehört worden sein.
De Lie verließ das Rennen mit zwei Podiumsplätzen und einem Etappensieg — nach einer Saison, die für den Belgier mit Schwierigkeiten gestartet war, ein wichtiges Lebenszeichen. Die Tour de Wallonie 2026 zeigte einmal mehr, warum diese Rundfahrt ihren festen Platz im internationalen Radsportkalender verdient: kompromissloser, taktisch reicher Radsport im Herzen Belgiens.
Ergebnis <<<<



Kommentare
Kommentar veröffentlichen