Ein Mann, ein Rennen, ein Rekord – Pogačar macht die Schweiz zu seinem Spielplatz
Ein Mann, ein Rennen, ein Rekord – Pogačar macht die Schweiz zu seinem Spielplatz
Villars-sur-Ollon, 21. Juni 2026
Es gibt Rennsiege, und es gibt Machtdemonstrationen. Was Tadej Pogačar in dieser Woche bei der 89. Tour de Suisse abgeliefert hat, gehört eindeutig in die zweite Kategorie. Der Weltmeister aus Slowenien gewann die Rundfahrt durch die Alpen mit einem Vorsprung von 6:32 Minuten auf Richard Carapaz – ein Rekord, der seit 1959 Bestand hatte und nun in Scherben liegt.
Fünf Etappen, drei Siege, keine Schwäche. Pogačar machte bereits auf der Auftaktetappe in Sondrio unmissverständlich klar, wer das Sagen hat. Mit einem atemberaubenden 72-Kilometer-Soloritt ließ er das gesamte Fahrerfeld hinter sich – eine Aktion, die selbst erfahrene Radsportkenner sprachlos zurückließ. Carapaz rettete mit einem eigenen Ausreißversuch noch Platz zwei, doch der Ecuadorianer lag bereits über zwei Minuten zurück. Der Rest des Feldes? Mehr als vier Minuten geschlagen, noch bevor das Rennen richtig begonnen hatte.
Die Etappen zwei und drei gehörten anderen: Romain Grégoire (Groupama-FDJ) triumphierte auf der zweiten Etappe in Locarno mit einer klugen Ausreißertaktik, Jhonatan Narváez (UAE) gewann Etappe drei in Bad Ragaz. Doch auch wenn das Gelbe Trikot kurz aus dem Rampenlicht rückte – Pogačar ließ sich stets in Sichtweite der Konkurrenz blicken, sparsam im Kraftaufwand, bedrohlich in seiner Präsenz.
Das Zeitfahren auf Etappe vier brachte dann den nächsten Auftritt des Slowenen – diesmal gegen die Uhr und in direkter Konkurrenz mit Mathieu van der Poel. Das Duell zweier außergewöhnlicher Athleten endete mit einem Ergebnis, das enger kaum hätte sein können: Lediglich 0,31 Sekunden trennten die beiden Kontrahenten, Pogačar vorne. Van der Poel, bekannt als einer der besten Zeitfahrer der Klassiker-Szene, fuhr das Rennen seines Lebens – und verlor trotzdem. Man muss das erst einmal sacken lassen.
Den Schlusspunkt setzte Pogačar auf der Königsetappe, einem alpinen Monster mit über 4000 Höhenmetern rund um den Col de la Croix und dem Ziel in Villars-sur-Ollon. In einem packenden Finale hatte sich Lenny Martinez (Bahrain Victorious) aus einer 14-köpfigen Ausreißergruppe gelöst und führte noch tief im letzten Anstieg. Der Franzose kämpfte wie ein Löwe – und doch war sein Vorsprung nicht sicher. Acht Kilometer vor dem Ziel schaltete Pogačar in den Verfolgungsmodus, pflückte einen Ausreißer nach dem anderen vom Hang und stellte Martinez schließlich an der Flamme Rouge. Sieben Sekunden Vorsprung im Ziel – eine Verbeugung fast, kein Triumph.
Am Ende steht ein Gesamtsieg, der die Konkurrenz demütigt und zugleich ernüchtert. Carapaz auf Rang zwei, Vacek auf drei – beide mit mehr als sechs Minuten Rückstand. Noch nie zuvor hatte ein Fahrer die Tour de Suisse so souverän gewonnen. Der bisherige Rekordvorsprung aus dem Jahr 1959 – damals 4:46 Minuten – wurde spielend überboten.
Für Pogačar ist die Tour de Suisse mehr als ein Sieg: Es ist die letzte Generalprobe vor der Tour de France, die in wenigen Wochen beginnt. Was er in der Schweiz gezeigt hat, dürfte Jonas Vingegaard und Remco Evenepoel wenig Anlass zur Entspannung geben. Der Weltmeister ist in Form, er ist hungrig – und er hat gerade einmal wieder bewiesen, dass er in einer Liga spielt, die noch niemand abgesteckt hat.
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