Narváez rettet UAE – Ciccone trägt erstmals Rosa
Giro d’Italia, 4. Etappe | Catanzaro – Cosenza, 138 km
Cosenza, 12. Mai 2026 — Es war die Antwort eines gedemütigten Teams. Zwei Tage nach dem verheerenden Massensturz, der Adam Yates, Jay Vine und Marc Soler aus dem Rennen gerissen und UAE Team Emirates-XRG auf fünf Fahrer reduziert hatte, meldete sich die Mannschaft mit aller Kraft zurück. Jhonatan Narváez, der Ecuadorianer, der selbst erst nach einer verletzungsbedingten Pause ins Peloton zurückgekehrt war, sprintete in Cosenza zum Etappensieg und schickte damit ein unmissverständliches Signal an den Rest des Feldes.
Eigentlich hatte ich Florian Storck von Tudor ganz dick die Daumen gedrückt. Doch dessen Plan ging irgendwie nicht auf. Er hielt sich in der Spitzengruppe bis zum Ende. Konnte sich aber weder beim Redbull Sprint noch beim Zielsprint durchsetzen. Andere hatten die Sache professioneller gehandhabt. Die hatten schon früher ihr Leerjahre gehabt. Aber noch ist nichts verloren. Storck ist zwar auf Rang drei abgerutscht. Die 4 Sekunden Rückstand auf Platz 1 bleiben aber bestehen.
Was auf dem Papier wie eine Flachetappe für die Sprinter aussah, entpuppte sich als selektiver Kraftakt. Der Anstieg nach Cozzo Tunno, eine Bergwertung der zweiten Kategorie, wurde zum Wendepunkt des Tages. Movistar übernahm das Kommando, trieb das Tempo in die Höhe und zerriss das Peloton in Fetzen. Die ersten Opfer waren die reinen Sprinter: Dylan Groenewegen, Jonathan Milan und Paul Magnier, der noch das Maglia Rosa trug, verloren allesamt den Anschluss an die Spitzengruppe. Der Traum vom Rosa Trikot war für Magnier mit einem Schlag ausgeträumt.
Während Movistar für den Venezolaner Orluis Aular arbeitete, schmiedete UAE seinen eigenen Plan. Jan Christen, der junge Schweizer, attackierte innerhalb der letzten zwei Kilometer auf technischem Terrain und zwang die Verfolger zur Reaktion. Die Rechnung ging auf: Wer Christen jagte, hatte keine Beine mehr für den Sprint. Narváez lauerte, wartete und schlug im richtigen Moment zu. Mit einer kraftvollen Beschleunigung ließ er Aular und den Italiener Giulio Ciccone hinter sich.
Ciccone, seit Jahren ein treuer Gast auf den Giro-Etappen, aber bislang nie in Rosa gekleidet, profitierte von seiner Zeitgutschrift am Red-Bull-Kilometer und von der Zeitstrafe für den bisherigen Träger des Maglia Rosa. Mit bewegter Stimme sprach der Lidl-Trek-Profi nach dem Ziel von einem erfüllten Kindheitstraum. Er weiß jedoch, wie fragil diese Führung ist. Die Berge kommen, und Jonas Vingegaard, mit nur zehn Sekunden Rückstand auf Rang elf liegend, wartet geduldig. Beim Blockhaus, so Ciccone selbst, werde es sehr schwer, das Rosa Trikot zu verteidigen.
Florian Stork, der Deutsche von Tudor Pro Cycling, verpasste seinerseits eine große Chance. Auf der Zielgeraden schlecht positioniert, musste er noch zwei Fahrer passieren lassen und kam nicht über einen der hinteren Plätze hinaus. Stork liegt nun hinter Ciccone und Christen auf Rang drei der Gesamtwertung.
Abseits des Renngeschehens überschatteten weitere Aufgaben den Tag. Kaden Groves (Alpecin-Premier Tech) und Arnaud De Lie (Lotto Intermarché) stiegen vorzeitig vom Rad, Wilco Kelderman startete aufgrund seiner Sturzfolgen aus Etappe zwei gar nicht erst.
Für Narváez war der Sieg mehr als nur ein Etappenerfolg – er war eine Befreiung. „Dieser Sieg bedeutet mir sehr viel”, sagte er im Ziel, den Blick zur Bergkulisse Kalabriens gerichtet. UAE fährt nun einen anderen Giro als geplant. Doch einen ohne Ambitionen? Davon ist nach diesem Dienstag in Cosenza nichts zu spüren.
Ergebnis: 1. Jhonatan Narváez (UAE), 2. Orluis Aular (Movistar), 3. Giulio Ciccone (Lidl-Trek) | Gesamtführung: Giulio Ciccone
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